DIXILAND 
Lebenserhaltungssysteme für den öffentlichen Raum​​​​​​
In nicht allzu ferner Zukunft wird eine Runde verzweifelter Cyborg-Planer*innen um einen Tisch sitzen und sich fragen, was eigentlich so verdammt schief gegangen ist. Der Grund ihrer Besorgnis wird der unaufhaltsam nahende Exitus des öffentlichen Raumes sein. Eines nach dem anderen, brachen dessen Lebenserhaltungssysteme zusammen, wurden eingestellt – oder schlimmer noch – privatisiert. Öffentliches Leben wird nicht weiter unterstützt; es versiegt allmählich wie ein veraltetes Betriebssystem. Die Gruppe der Planer*innen diskutiert röchelnd – gäbe es doch noch öffentliche Luft zum Atmen. In Anlehnung an mittelmäßige Science-Fictions entsenden sie eine Gruppe aus kybernetischen Urbanist*innen und ihren technobotanischen Genoss*innen in die Vergangenheit, um die Entwicklungsrichtung vor dem Point of No Return zu ändern. 

OPEN CALL "What is the city?"
Bewerbung
Ihre futuro-archäologischen Zeitreise führt zu einem erstaunlichen Ergebnis: Es stellt sich heraus, dass der öffentliche Abort die unablässige Infrastruktur war, die den öffentlichen Raum jahrhundertelang reproduzierte und am Leben erhielt. Wie römische Bedürfnisanstalten, zugetaggte Clubklos und Warteschlangen vor Dixis bezeugen, waren Toiletten schon immer Orte des gesellschaftlichen Austausches, wenn nicht sogar Dreh- und Angelpunkte des öffentlichen Lebens. Nur die Versorgung des persönlichen körperlichen Bedarfs ermöglichte höhere Formen gemeinschaftlicher Interaktion. Als die moderne Stadt den Abort in die Intimsphäre rückte, geschah dies nicht ohne psychopathologische Symptomatik. So wirkt die Einhegung des Exkrements noch immer als urbano-freudianischer Analkomplex fort. Dieser reicht bis zu verkörperlichten Geografien der Scham nach. Vereinzelte Bedürfnisanstalten der Jahrhundertwende zeugen von einer einstigen Gro.zügigkeit des öffentlichen Austretens. Heute findet das Sterben der öffentlichen Toilette seinen fatalen Höhepunkt in abweisenden Sanifair-Einrichtungen zeitgenössischer Malls und Bahnhöfe. 
Zugleich sind multiple Ungleichheiten in die Geographie urbaner Aborte eingeschrieben. In Deutschland erhielten Frauen erst um die Jahrhundertwende wieder Zugang zu öffentlichen Toiletten. Noch 120 Jahre später ist urbane Sanitärpolitik blind und diskriminierend. Über die notorische Binarität von Toilettenschildern hinaus, weisen öffentliche Klos ein massives Gender-Gap in Bezug auf Ausstattung, Komfort und Sicherheit auf. Auch soziale Spaltungen lassen sich an den Bedürfnisanstalten nachzeichnen. Während sich wohlhabende Stadtbewohner*innen ein Café als Sanitärinfrastruktur leisten können, sind marginalisierte Gruppen dringend auf Zugang zu öffentlichen Anlagen angewiesen. Ein Mangel an öffentlicher Infrastruktur stellt beispielsweise eine erhebliche Hürde für alltägliche hygienische Verrichtungen von Wohnungslosen dar. Der große Dienst, den das Toilettenpflegepersonal für die Gewährung der Grundbedürfnisse und der Würde der Stadtgesellschaft leistet, wird selten anerkannt. 
Für uns alle stellen Toiletten eine notwendige Infrastruktur für den längeren Aufenthalt jenseits des privaten Raums dar. Erstaunlicherweise vernachlässigt eine wohlhabende Stadt wie München dieses Grundrecht seiner Stadtbevölkerung, ab und an austreten zu können. Derzeit zählt die Stadt lediglich 150 öffentliche Toiletten - was einem Lokus pro 10.000 Menschen entspricht. Unter Einhaltung der hygienischen Distanz ergäbe sich daraus eine Schlange vom Rathaus bis nach Garching. Als 2020 Cafés und Restaurants über mehrere Monate geschlossen waren, wurde die Abhängigkeit des öffentlichen Lebens von der Gastronomie als sanitärer Infrastruktur deutlich. Es überrascht nicht, dass der Rückbau der letzten öffentlichen Bedürfnisanstalt das Fass in wenigen Jahren zum Überlaufen bringen wird: das öffentliche Leben stirbt an Nierenversagen.
So also kommen die Cyborg-Planer*innen im München des Jahres 2021 an – dem letztmöglichen Zeitpunkt der Intervention. Im Rahmen ihres Notfallprotokolls beginnen sie ein Reverse Engineering der Toilette im urbanen Raum. Das Klo wird zum Untersuchungs- und Interventionsobjekt. Anhand einer im Stadtraum platzierten Versuchsanordnung werden multiple Fragestellungen diskutiert: Bodenfrage, soziale Gerechtigkeit, Geschlechter-Gleichheit, Privatisierung des öffentlichen Raums.
Bestehende öffentliche Infrastrukturen und Praktiken werden experimentell erforscht. Die Cyborgs untersuchen öffentliche Versorgungsleitungen, unterziehen Toilettenschilder kunsthistorischen Analysen, führen Interviews mit systemrelevantem Putzpersonal und suchen empirisch nach Nutzungsmustern, die an sanitäre Infrastrukturen anknüpfen. Aus Fundstücken, Gesprächen, 3D-Scans und entwendeten Überwachungsvideos entsteht ein Psychogramm des öffentlichen Aborts. Da öffentlicher Raum nicht homogen ist, werden drei unterschiedliche Orte der Stadt ausgewählt, um deren sanitäres Potenzial zu untersuchen: ein verlorener Ort, ein lebender Ort und ein Ort für den noch Hoffnung besteht. Die gewonnenen Erkenntnisse werden in den städtebaulich-sanitären Interventionen räumlich angewandt und performativ interpretiert.
Gleichzeitig beginnen die Cyborgs eine Intervention im öffentlichen Raum – den Bau einer babylonischen Sanitärinfrastruktur. Auf der Grundlage ihrer Forschungsergebnisse experimentieren sie mit Sanitärobjekten, Putzpraktiken, Versorgungsleitungen, Toilettenschildern. Welche Bedürfnisse muss diese Infrastruktur erfüllen? Welche Beziehungen unterhält sie zu ihrer Umgebung? Welches Nutzungsmuster erhält sie am Leben? Wie ist sie mit dem Ökosystemen der urbanen Kanalisation verbunden? Welche Geschichten erzählt sie? Im Laufe des Experiments wird die Toilette zu einem Experimentierfeld, zu einer Leinwand für sanitäre Performances und Interaktionen. Entwurf und Aufrechterhaltung des Klos wird zum Gemeinschaffen.